Während meiner Heilpraktiker-Ausbildung hatte ich eine Diskussion mit einem Dozenten über die Entstehung der Persönlichkeit. Die Frage war, ob der Charakter eines Menschen angeboren sei oder vielmehr das Resultat frühkindlicher Erfahrungen. Seine Aussage war “Ich war schon immer so.”

Das brachte mich zum Nachdenken, denn gefühlt traf das lange Zeit auch auf mich zu. Wäre da nicht tief in mir drin das Gefühl gewesen, dass dieses Ich nicht mein authentisches Selbst war und dass etwas fehlte in meinem Leben. Und dieses fehlende Etwas erzeugte eine große Leere in mir. Solange ich zurückdenken kann, habe ich versucht, diese Leere zu füllen – mit Umzügen, mit exzessivem Sport, mit anderen Menschen. Aber die neuen Wohnorte verloren schnell ihren Reiz, der Sport laugte mich zusehends aus und die anderen Menschen entpuppten sich als Energieräuber. Meine innere Leere blieb und sie wurde jedes Mal ein bisschen größer. War ich wirklich schon immer so?

Immer wieder kehrte ich gedanklich zurück in meine Kindheit und Jugend – jene Jahre, die meine Persönlichkeit prägten und die ich als sehr einsame in Erinnerung habe. Die Verletzungen aus dieser Zeit belasten mich bis heute. Ich las Bücher und Artikel über die menschliche Psyche… und mir wurde klar, dass sich mein Gehirn an meine damalige Umwelt angepasst hatte.

Warum ich mich so leer fühlte und immer wieder die falschen Personen in mein Leben zog, liest Du in diesem Artikel. Du erfährst, warum es Energieräuber gibt, die andere ausbeuten oder introvertierte Nerds mit seltsamen Manieren. Aber fangen wir am Anfang an – der Entwicklung des menschlichen Gehirns.

Die Entwicklung der Persönlichkeit

Wenn ein Baby auf die Welt kommt, sind sein Rückenmark und sein Hirnstamm gut entwickelt und voll funktionsfähig. Der Hirnstamm steuert das Verhalten wie Treten, Greifen, Weinen, Schlafen, Saugen und Schlucken. Das Neugeborene erkennt menschliche Gesichter und die Stimme seiner Mutter, die es schon im Mutterleib gehört hat. Alles was darüber hinaus geht, muss das Kind erst lernen.

Baby

Während das Baby sich und seine Umwelt kennenlernt, bildet sein Gehirn Milliarden neuer neuronaler Verbindungen [1]. Nach zwei Jahren hat das Gehirn sein Gewicht verdreifacht und mit sechs Jahren ist die Volumenentwicklung zu 90 % abgeschlossen [2]. Die Persönlichkeit entwickelt sich mit dem limbischen System und dem präfrontalen Kortex (dem vorderen Teil der Großhirnrinde). Während sich das limbische System im Kleinkindalter ausprägt, reift der präfrontale Kortex bis zum 25. Lebensjahr. Mit dem Ende der Adoleszenz stabilisiert sich die Persönlichkeit [3].

Das limbische System

Das limbische System ist der Sitz der Emotionen. Hier entscheidet unser Gehirn, was angenehm und was bedrohlich ist, was wir zum Überleben brauchen, wen wir lieben und was uns Lust bereitet. Freude, Angst, Wut, Traurigkeit, Ekel, Appetit und sexuelles Verlangen haben hier ihren Ursprung – ebenso wie die mit diesen Emotionen verbundenen körperlichen Reaktionen (Hormonausschüttung). Das Bild unten zeigt die Strukturen des limbischen Systems. Zu ihnen gehören die Amygdala, der Hippocampus und der Gyrus cinguli.

Limbisches System
Das limbische System ist ein funktionelles System aus mehreren Gehirnstrukturen, zu denen u. a. die Amygdala, der Hippocampus und der Gyrus Cinguli gehören. Quelle: OpenStax College, 1511 The Limbic Lobe, CC BY 3.0

Die Amygdala (Mandelkern) bildet das emotionale Gedächtnis. Sie verbindet sensorische Reize mit Erinnerungen an emotionale Ereignisse. Identifiziert die Amygdala eine Gefahr, schüttet der Körper Stresshormone aus, die den Körper auf Kampf oder Flucht vorbereiten. Ein Baby kommt mit einer ausgereiften aber noch unvollständig vernetzten Amygdala zur Welt. Deren neuronale Verbindungen zu anderen Hirnbereichen bilden sich primär in den ersten beiden Lebensjahren aus [4].

Der Hippocampus verarbeitet sensorische Informationen und speichert sie als Erinnerungen im Kurzzeitgedächtnis. Unwichtige Inhalte gehen nach etwa 20 Sekunden wieder verloren. Im Gegensatz dazu werden Informationen, die mehrfach wiederholt werden (Lernen) oder uns emotional bewegen, in das Langzeitgedächtnis der Großhirnrinde überführt [5]. Das sogenannte episodische Gedächtnis entwickelt sich erst im Alter von drei bis vier Jahren [6].

Der Gyrus cinguli verbindet mit seiner langen Assoziationsbahn das limbische System mit der Großhirnrinde. Durch das “Hinzuschalten” der Hirnrinde treten die Emotionen des limbischen Systems als Gefühle in unser Bewusstsein [7].

Emotionen versus Verstand

Für den Umgang mit Emotionen hat unser Gehirn zwei Möglichkeiten (Bild unten):

  1. Dem limbischen System vorgeschaltet ist der Thalamus. Er leitet die eingehenden Impulse direkt an die Amygdala weiter, die ihre emotionale Bedeutung einschätzt. Das geschieht in wenigen Millisekunden.

  2. Eine zweite neuronale Verbindung verläuft vom Thalamus über den Hippocampus und den Gyrus cinguli zur Großhirnrinde. Dort findet eine bewusste, rationale Deutung statt. Der präfrontale Kortex kann die emotionale Reaktion der Amygdala “überschreiben” (Emotionsregulation). Dieser zweite Weg ist langsamer.

LeDoux-Model
Der direkte und der indirekte neuronale Weg zur Amygdala nach Joseph LeDoux: Der untere/direkte Weg verbindet den Thalamus mit der Amygdala, so dass der eintreffende Reiz zunächst eine emotionale Reaktion auslöst. Der obere/indirekte Weg verbindet den Thalamus mit der Großhirnrinde (Cortex). Der eintreffende Reiz wird kognitiv verarbeitet und dann an die Amygdala weitergeleitet. Dieser Weg ermöglicht Selbstregulation und Impulskontrolle. Quelle: [8]

Weil der rationale Teil des Gehirns sehr viel langsamer reift als der emotionale, fehlt Babies und Kleinkindern die Fähigkeit zur Selbstregulation. Sie sind bei der Regulation ihrer Emotionen auf die Hilfe erwachsener und emotional zugewandter Bezugspersonen angewiesen. Mit fortschreitender Gehirnentwicklung können Kinder ihre Emotionen und Impulse immer besser kontrollieren.

Emotionales versus rationale Gehirn
Modell des Ungleichgewichts zwischen präfrontaler und limbischer Verhaltenskontrolle in der Adoleszenz Quelle: [9]

Die unterschiedliche Reife von limbischem System und präfrontalem Kortex bei Jugendlichen erklärt auch typisch pubertäre Verhaltensweisen wie Impulsivität, Stimmungsschwankungen und Risikofreude. Junge Menschen mit einem unausgereiften Frontalhirn treffen Entscheidungen oft “aus dem Bauch heraus” und orientieren sich weniger an rationalen und logischen Kriterien (Bild oben).

Der präfrontale Kortex

Der präfrontale Kortex ist der Teil des Gehirns, der uns zu denkenden und fühlenden Menschen macht. Er liegt in der vorderen Schädelgrube hinter der Stirn und den Schläfen und ist die evolutionär am weitesten entwickelte Komponente des menschlichen Gehirns (Bild unten).

Praefrontaler Kortex Aussenseite Praefrontaler Kortex Medialseite
Der präfrontale Kortex ist der vordere Teil der Hirnrinde hinter der Stirn und den Schläfen. Links: Laterale Ansicht Rechts: Mediale Ansicht Quelle: Polygon data were generated by Database Center for Life Science(DBCLS)[2]., Prefrontal cortex (left) - lateral view, Prefrontal cortex (left) - medial view, CC BY-SA 1.0

Im präfrontalen Kortex befindet sich unser Selbstverständnis: das Wissen um die eigene Person, das Verständnis für den eigenen Körper und die Beziehung zu uns selbst. Er ist auch der Sitz der Empathie – der Fähigkeit, uns in andere Menschen einzufühlen. Auch negative Gefühle wie Scham, Verlegenheit oder Schuld haben hier ihren Ursprung. Sie spielen eine wichtige Rolle für die Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen und das Funktionieren in der Gesellschaft [10].

Die Entwicklung des präfrontalen Kortex korreliert bei Kindern mit der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten wie dem Verständnis komplexer Sprache, analytischem Denken, vorausschauender Planung, Urteilsvermögen, Lernen und der Kontrolle von Bewegungen. Mit etwa sieben Jahren sind Kinder in der Lage, stillzusitzen, sich sprachlich auszudrücken und dem Schulunterricht zu folgen [2].

Linke und rechte Gehirnhälfte
Linke Gehirnhälfte: Sachebene – Logik, Details, Regeln, Sprache, Mathematik Rechte Gehirnhälfte: Beziehungsebene – Emotionen, Ganzheitlichkeit, Bilder, Kreativität, Mustererkennung Quelle: Pixabay

Das Gehirn ist in zwei Hemisphären aufgeteilt. Bei einem Rechtshänder ist der linke Teil des präfronalen Kortex für Sprache und Logik zuständig, der rechte für Kreativität und Intuition. Die Gehirnhälften sind über Nervenfasern miteinander verbunden, über die sie Informationen austauschen. Die Aktivität beider Gehirnhälften ist mehr oder weniger ausgeglichen, manche Menschen haben einen ausgeprägten links- oder rechtsorientierten Denk- und Verhaltensstil [11].

Schatten der Vergangenheit

Der Bauplan des Gehirns ist in den Genen kodiert. Wie dieser Bauplan gelesen und umgesetzt wird, hängt von unserer Umwelt ab. So können epigenetische Veränderungen, Nährstoffmangel, Genussgifte, Hormone und Stress die Gehirnentwicklung des Kindes bereits im Mutterleib beeinträchtigen [12].

Nach der Geburt beginnt die aktivste Phase der Gehirnentwicklung. Auf äußere Reize reagiert das kindliche Gehirn mit der strukturellen und funktionellen Anpassung seines neuronalen Netzwerks. Die maximale neuronale Plastizität wird in den ersten beiden Lebensjahren erreicht, danach verlangsamt sich die Synapsenbildung. Was ein kleiner Mensch in dieser Zeit erlebt, formt sein Gehirn und prägt so sein gesamtes späteres Leben [2,12,13].

Das emotionale Gedächtnis

Weil sich die Verbindungen zwischen Hippocampus und Großhirnrinde erst im 4. Lebensjahr voll ausbilden, haben wir keine Erinnerungen an unsere frühe Kindheit (Infantile Amnesie) [6]. Die Erinnerungen sind jedoch nicht weg! Sie sind im emotionalen Gedächtnis gespeichert, ihnen fehlt allerdings der deklarative Zusammenhang (Bild unten).

Implizites und explizites Gedächtnis
Modell des impliziten (emotionalen) und expliziten (episodischen) Gedächtnisses nach LeDoux. Quelle: [15]

Das hat weitreichende Konsequenzen: Unser limbisches System reagiert auf Situationen, die unseren frühkindlichen Erfahrungen ähneln. Sobald ein Trigger auftaucht, werden unser vegetatives Nervensystem und unsere Hormondrüsen aktiviert – wie beim Pawlowschen Hund, der anfängt zu sabbern, wenn er die Futterglocke hört. Unsere Amygdala entwickelt sozusagen ein Eigenleben.

Frühkindliche Trigger können Appetit, Freude oder sexuelle Erregung auslösen aber auch sehr heftige negative Emotionen wie Wut und Angst. Es kann eine Herausforderung für den präfrontalen Kortex sein, diese Emotionen zu regulieren und in sozialverträgliche Bahnen zu leiten (Bild unten).

Gehirn und Persönlichkeit
Die menschliche Persönlichkeit wird von den Genen und der Umwelt geprägt. Das Zusammenspiel aus Emotionsausbrüchen (bottom-up emotional activity) und kortikaler Regulation (top-down control of emotional activity) erzeugt ein einzigartiges Persönlichkeitsmuster. Quelle: [16]

Zum Beispiel führen starke Wutausbrüche in Kombination mit einer verminderten kortikalen Kontrolle zu einem cholerischen Persönlichkeitstyp. Der Choleriker mag äußerlich erwachsen sein – seine Wut ist die eines verzweifelten Kindes, das von seinen Emotionen überwältigt wird. Auf diese Weise prägen frühkindliche Erfahrungen die individuellen Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster, die zum Ausdruck unserer “erwachsenen” Persönlichkeit werden [16].

Vernächlässigte Kinder

Reagieren Eltern auf Freude, Kummer, Angst oder Wut ihres Kindes mit Akzeptanz und vermitteln sie ihm Sicherheit und Zuversicht, lernt das Kind, seine Emotionen zu spüren und sie als konstruktiven und belebenden Teil seines Selbsts zu akzeptieren. Liebevolle Eltern helfen dem Kind, seine Emotionen zu regulieren und Strategien zur Selbstberuhigung zu entwickeln.

Lassen die Eltern das Kind dagegen mit seinen Emotionen alleine oder bestrafen es, wird es von seinem Kummer, seiner Wut oder seiner Angst überwältigt. Seine Stresshormone sind dauerhaft erhöht. Weil ein Kleinkind weder kämpfen noch fliehen kann, tritt ein dritter Zustand ein: die Erstarrung – ein Notfallprogramm, das den Körper auf das Sterben vorbereitet. Wenn Eltern ihr Baby alleine in seinem Zimmer schreien lassen, bis es verstummt, dann hat das Baby nicht “gelernt zu schlafen”, es hat sich aufgegeben [17].

Baby

Je länger ein Kind in einem Umfeld der Angst und emotionalen Vernachlässigung lebt, umso weniger lernt es,seine Emotionen zu spüren oder zu regulieren. Es kann passieren, dass sein Gehirn die unerwünschten Emotionen dauerhaft abspaltet und es irgendwann überhaupt nichts mehr fühlt [18,19*].

Die komplexe PTBS

Stress lässt die Nervenverbindungen in der Amygdala wachsen und im präfrontalen Kortex degenerieren. Nach akuten Stressbelastungen können die Verbindungen im Frontalgehirn wieder nachwachsen, bei chronischem Stress kommt es zu bleibenden Gehirnveränderungen. Betroffene Kinder können ihre Emotionen nicht regulieren, sind oft ängstlich, aggressiv oder apathisch [4,20,21].

Eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung (kPTSD) ist die Folge einer Kindheit ohne emotionale Zuwendung und ohne sichere Bindung. Das Trauma entsteht aus den andauernden und sich wiederholenden Verletzungen in der Kindheit, verbunden mit dem Gefühl von Verrat und dem Verlust von Sicherheit. Anders als bei einem Autounfall oder einer Naturkatastrophe (Schocktrauma) bestehen die auslösenden Faktoren über einen langen Zeitraum. Kindheitstraumata werden auch als Entwicklungs- oder Bindungstraumata bezeichnet.

Die kPTBS äußert sich in vielfältigen Symptomen [19*,22]:

Symptome Beschreibung
Wiedererleben Flahsbacks, Albträume und beängstigende Gedanken an das Trauma, die zu körperlichen Symptomen führen können
Vermeidung Vermeidung von Traumaerinnerungen, Erinnerungslücken (Dissoziative Amnesie), Gefühllosigkeit
Hypervigilanz hohe Schreckhaftigkeit, Anspannung, Schlafprobleme, Aufmerksamkeits- und Konzentationsprobleme
Gestörte Emotions-
regulierung
Aggressivität, Angstzustände, Wutausbrüche, Selbstschädigendes Verhalten, Dissoziation, emotionale Taubheit
Negatives
Selbstkonzept
Mangelndes Selbstwertgefühl, Gefühl der Selbstentfremdung, Schuld- und Schamgefühle
Interpersonelle
Probleme
Sozialer Rückzug, Misstrauen, Unfähigkeit zu emotionaler Bindung

Die chronisch übererregte Amygdala führt zur Dysregulation der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse. Körperlich zeigen sich Veränderungen des autonomen Nervensystems, der Hormonspiegel und des Immunsystems. Misshandelte Kinder haben zunächst hohe Cortisolspiegel, die mit dem Zusammenbruch der Nebennieren spätestens im Erwachsenenalter auf zu niedrige Spiegel fallen [23*]. Der Körper produziert dann vermehrt pro-entzündliche Zytokine und der oxidative Stress nimmt zu (Bild unten).

Dysregulation der HPA-Achse
Die Amygdala verbindet das limbische System mit der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse Quelle:[24]

Psychischer Stress kann also Entzündungen auslösen und körperliche Beschwerden wie beispielsweise Bluthochdruck auslösen. So leiden Menschen mit Entwicklungstrauma signifikant häufiger an Atherosklerose, chronischen Darmerkrankungen, Rheuma und Atemwegserkrankungen [24,25,26]. Siehe hierzu auch meinen Artikel Wie uns Stress krank macht.

Schon 1950 stellte der Psychoanalytiker und Arzt Franz Alexander eine Verbindung zwischen psychischen Konflikten und Krankheiten wie Colitis ulcerosa, Neurodermitis und Rheumatoide Arthritis her (“Holy Seven”). Er gilt als Mitbegründer der psychosomatischen Medizin.

Persönlichkeitsstörungen

Missbrauch und Vernächlassigung in der Kindheit hinterlassen Spuren im Gehirn. Anomalien der neuronalen Struktur und Vernetzung können das Bewusstsein eines Menschen für das eigene Selbst, seine Empathiefähigkeit, seine geistige Flexibilität und seine Fähigkeit zur Emotionsregulation beeinträchtigen. Sind die Psychopathologien so ausgeprägt, dass das Verhalten dauerhaft vom sozial angemessenen oder akzeptierten Verhalten abweicht, spricht man von einer Persönlichkeitsstörung.

Narzissmus

Narzissten haben im Hirnscan unter anderem eine verringerte Dicke und vermindertes Volumen der Hirnrinde im rechten dorsolateralen präfrontalen Kortex. Eines der wichtigsten Merkmale pathologischer Narzissten ist ihr Empathie-Mangel. Sie verstehen zwar, was andere fühlen (kognitive Empathie), empfinden dabei aber kein Mitgefühl (affektive Empathie) [27,28].

Prefrontal cortex
Quelle: Natalie M. Zahr, Ph.D., and Edith V. Sullivan, Ph.D., Prefrontal cortex, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung geht einher mit egozentrischer Bedürftigkeit, arrogantem Verhalten, Anspruchsdenken, mangelndem Einfühlungsvermögen und der Bereitschaft zur Ausbeutung anderer Personen. Häufig ist sie auch mit Aggression, Dominanz und fehlender Impulskontrolle assoziiert.

Kinder narzisstischer Eltern leiden sehr stark unter der emotionalen Kälte, den Wutausbrüchen und der Missgunst ihrer Eltern. Oft werden sie selbst zu Narzissten oder sie entwickeln eine dependente Persönlichkeitsstörung.

Borderline-Syndrom

Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung haben ein hypersensibles limbisches System mit einer übererregbaren Amygdala. In Hirnscans zeigt sich eine Unterfunktion der beiden Hemisphären des präfrontalen Kortex. Die kognitive und affektive Empathiefähigkeit ist eingeschränkt [27].

Borderline-Betroffene zeichnen sich durch emotionale Instabilität und extremes Schwarz-Weiß-Denken aus. Sie neigen zu intensiven, aber sehr unbeständigen zwischenmenschlichen Beziehungen und haben extreme Angst vor dem Verlassenwerden. Mangelnde Impulskontrolle führt zu selbstzerstörerischem Verhalten und Aggressionsausbrüchen gegenüber ihren Mitmenschen.

Autismus

Bei der Autismus-Spektrum-Störung liegen Defekte der Spiegelneuronen vor. Mithilfe der Spiegelneuronen kann das Gehirn die Mimik und Handlungen anderer Menschen verstehen und imitieren [29]. Autisten haben zudem eine vergrößerte Amygdala mit reduzierten Nervenverbindungen zum rechten Kortex, was ihre Fähigkeit, Emotionen zu erkennen, beeinträchtigt [30].

Asperger-Kind
Ein Junge mit Asperger-Syndrom beschäftigt sich mit Molekülstrukturen. Quelle: Poindexter Propellerhead, Riboflavin penicillinamide, CC BY-SA 3.0

Weil Autisten keine Gesichtsausdrücke lesen oder Klangfarben in der Stimme zuordnen können, bereitet ihnen die soziale Kommunikation Schwierigkeiten. Sie nehmen alles wörtlich und verstehen keine Ironie. Ihre kognitive Empathie ist eingeschränkt, trotzdem können sie Mitgefühl empfinden [31].

Autisten können unterdurchschnittlich, normal oder – in einzelnen Bereichen wie Kunst oder Mathematik – herausragend intelligent sein (Asperger-Syndrom). Persönlichkeiten wie Isaac Newton, Wolfgang Amadeus Mozart oder Andy Warhol könnten Asperger-Autisten gewesen sein.

Die dependente Persönlichkeit

Neben Kampf, Fluch und Erstarrung gibt es eine vierte Stressreaktion – die Unterwerfung (engl. Fawn Response). Das Kind versucht, die Liebe und Annerkennung seiner emotional abweisenden Eltern zu bekommen, indem es sich besonders gefällig und angepasst verhält. Häufig resultiert dieses Verhalten aus der Angst vor leicht reizbaren und sehr aggressiven Eltern.

Dependente Persönlichkeiten haben früh gelernt, die Emotionen ihrer Bezugspersonen zu lesen und aufkeimende Aggressionen zu erkennen. Als Erwachsene können sie die Gefühle und Absichten anderer Menschen gut einschätzen [32]. Sie sind einfühlsam, rücksichtsvoll, anspruchslos und haben sehr viel Empathie für andere, nicht jedoch für sich selbst. Weil sie nie gelernt haben, Grenzen zu setzen werden früher oder später körperlich krank [33*].

Dependente Persönlichkeiten sind ein gefundenes Fressen für Narzissten und werden deshalb auch als Co-Narzissten bezeichnet. Co-Narzissmus ist keine Persönlichkeitsstörung im eigentlichen Sinn. Denn anders als Narzissten können dependente Personen ihr Verhalten reflektieren. Schaffen sie es, ihr Kindheitstrauma zu überwinden, können sie dank ihrer besonderen Fähigkeiten Glück und Erfolg im Leben erreichen [34*,35*].

Wie wir wurden, was wir sind

Wenn Du diesen Artikel ganz gelesen hast, ahnst Du es vielleicht. Ich war eine Co-Narzisstin. Als Kind musste ich mich an meine Bezugspersonen anpassen und durfte nicht ich selbst sein. Daraus entstand ein innere Leere. Schon sehr früh litt ich an körperlichen Symptomen wie Schlaflosigkeit, Histaminintoleranz und Hautekzemen.

Heute sehe ich die Menschen um mich herum mit anderen Augen. Diejenigen, die mich verletzt und ausgebeutet haben, wurden in ihrer Kindheit auf die immer gleichen Reaktionsmuster konditioniert. Weil sie ihr Verhalten nicht reflektieren können, habe ich sie aus meinem Leben verbannt. Meine körperlichen Beschwerden lassen nach. Ich habe dazu den Artikel Histaminintoleranz – Mein Ausstieg aus dem Teufelskreis geschrieben und bald wird es auch einen Artikel über Gelenkschmerzen geben.

Wenn Du mehr über Entwicklungspsychologie und kPTBS wissen willst, kann ich Dir den Youtube-Kanal von Psychotherapie Ruland empfehlen. Sehr gute Bücher über das Thema haben Bessel van der Kolk und Pete Walker geschrieben [19*,34*]. Falls Du selbst unter festgefahrenen Verhaltensmustern leidest, dann ist es nie zu spät, an Dir zu arbeiten. Weil unser Gehirn so flexibel ist, können wir unsere Persönlichkeit auch im höheren Alter noch positiv beeinflussen.

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Quellen

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  2. Brown TT, Jernigan TL. Brain development during the preschool years. Neuropsychol Rev. 2012 Dec;22(4):313-33
  3. Arain M, Haque M, Johal L, Mathur P, Nel W, Rais A, Sandhu R, Sharma S. Maturation of the adolescent brain. Neuropsychiatr Dis Treat. 2013;9:449-61
  4. Salzwedel AP, Stephens RL, Goldman BD, Lin W, Gilmore JH, Gao W. Development of Amygdala Functional Connectivity During Infancy and Its Relationship With 4-Year Behavioral Outcomes. Biol Psychiatry Cogn Neurosci Neuroimaging. 2019 Jan;4(1):62-71
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  33. Gabor Maté. Wenn der Körper nein sagt: Wie chronischer Stress krank macht – und was Sie dagegen tun können. Herausgeber: Unimedica Buch*
  34. Pete Walker. Posttraumatische Belastungsstörung - Vom Überleben zu neuem Leben: Ein praktischer Ratgeber zur Überwindung von Kindheitstraumata. Herausgeber: Unimedica Buch*
  35. Robert Greene. Die Gesetze der menschlichen Natur - The Laws of Human Nature: Mit einzigartigen Strategien wie Sie menschliches Denken und Handeln entschlüsseln. Herausgeber: FinanzBuch Verlag Buch*

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